"Es gibt keine objektive Welt, die Welt ist das, was wir von ihr denken."*
(*Zitat: J.E. Charon, Atomphysiker)
Aurelia
Aurelia ist von Anfang an ein bisschen anders. Sie ist das einzige Kind ihrer Mama – ein Wunschkind, obwohl die Mutter von Anfang an allein erziehend ist. Schon sehr früh zeigt sich, dass Aurelia nicht so tickt wie andere Babys. Während die anderen anfangen, zu krabbeln, beginnt sie zu sprechen. Als sie mit 22 Monaten nach ihrem Alter gefragt wird, sagt sie stolz: „Ich bin eins!“ – zu einer Zeit, in der andere Kleinkinder noch erste Wörter sammeln. Im Buggy, mit Schnuller im Mund, ist ihr Lieblingsspiel „Hausnummern lesen“. Mit drei Jahren liest sie erste Wörter, mit vier Jahren fängt sie von sich aus an, phonetisch zu schreiben. Mit 5 liest sie flüssig dicke Bücher.Bei alledem ist sie sehr eigensinnig, die Erzieherinnen im Kindergarten nennen es „schwierig“ und „verhaltensauffällig“. Bei den anderen Kindern eckt sie an und findet keinen Anschluss – wie auch? Mit vier denkt sie wie eine Achtjährige, benimmt sich aber manchmal wie zwei. Der Kindergarten hat kein Verständnis für ihr Anders-Sein, die Erzieherinnen konzentrieren sich auf das, was sie nicht kann: Sie kann sich nicht einfügen, nicht normal sauber werden, sie kann nicht ohne Widerworte tun, was man ihr sagt. Aurelia lebt in zwei Welten: Der Welt der Buchstaben und Ideen, die sie beherrscht wie kein anderes Kind, das sie kennt – und die Welt „da draußen“, in der keiner sie versteht, keiner sie verstehen will.
Die Kleine entwickelt eine Abwehrhaltung, die ihr selbst den Weg zu anderen Kindern noch mehr verbaut. Der Kindergarten empfiehlt Verhaltenstherapie. Die Mutter ist verunsichert und weiß nicht mehr weiter. Sie geht mit Aurelia zum Kinder- und Jugendpsychiater. Der diagnostiziert, was Mama eigentlich schon weiß: „Asynchrone Entwicklung“, das heißt: Im Kopf ist Aurelia sechs, in ihrem Sozialverhalten erst zwei. Nach dem Kalender ist das Mädchen aber vier. Das führt zu einer Spannung im Kind, die Aurelia selbst nicht auflösen kann. Sie bekommt eine psychomotorische Therapie, danach Ergotherapie.
Mit fünf wird sie als Kann-Kind eingeschult – die Schulleiterin sagt dazu „Es wird ja nicht besser, wenn wir warten“. Das stimmt, denn Aurelia kann ja nun schon seit zwei Jahren lesen. Trotz der frühen Einschulung langweilt sie sich fürchterlich in der Schule, sie ist unterfordert. Der Lehrer hat kein Verständnis: „Das Kind muss lernen, sich zu langweilen!“ Sie fühlt sich nach wie vor ausgeschlossen – und wird es dann auch. Ihr Verhalten wird immer defensiver, immer ruppiger, ein Teufelskreis aus sozialer Unverträglichkeit und echtem Mobbing gegen die Kleine beginnt.
Immer noch geht sie zu Therapeuten, immer noch konzentrieren sich auch die darauf, was Aurelia nicht kann. Sie bekommt schliesslich eine tiefenpsychologische Spieltherapie, mittlerweile ist ihre Hochbegabung ebenso diagnostiziert wie eine emotionale Entwicklungsverzögerung. Aurelia und ihre Mutter sind gefangen in einem negativen Kreislauf, in dem es immer nur darum geht, dass Aurelia „nicht funktioniert“.
Zur zweiten Klasse wechselt das Mädchen auf eine private Montessori-Schule. Die Hoffnungen, dass ihre Individualität hier besser passen könnte und ihre Begabungen gefördert würden, zerbrechen nach wenigen Wochen. Sie eckt bei den Mitschülern massiv an, die Lehrer sind mit ihr überfordert: Sie wird alleine in eine Ecke des Schulzimmers gesetzt, den anderen Kindern wird geraten, sie zu ignorieren, die Schulpausen muss sie über etliche Wochen hinweg im Lehrerzimmer verbringen. Lehrerin und Rektor sind sich sicher: „Das Kind ist gestört und gehört in die Kinderpsychiatrie. Da hilft nur eine Klinikschule“.
Entscheidungen sind Scheidewege.
Bei Aurelia geht jetzt gar nichts mehr. Sie zeigt autistische Tendenzen und selbstverletzendes Verhalten – und manchmal sagt sie, dass sie sterben will. Ihre Mutter ist verzweifelt. Soll sie dem Rat der Montessori-Schule folgen und ihr Mädchen auf eine Klinikschule geben? Die Klinikschule würde für das Mädchen die Bestätigung sein, gestört zu sein. Der Beginn einer Therapiekarriere, in der sie immer mehr abgleiten könnte in Psychosen und Krankheiten. Einen Rucksack voller Diagnosen, aber keine Lösungen, keine Zukunft.
Was kann you are life! verändern?
you are life! kann – und will – kein Kind grundlegend verändern! Aber wir können helfen, den Blickwinkel zu verändern und herauszufinden, wo es hakt. Bei Aurelia standen immer die Defizite im Vordergrund, das, was nicht funktioniert. Wir konzentrieren uns gemeinsam mit dem Kind und der Mutter darauf, was es KANN, was es WILL, und was funktioniert. Aurelia – und ihre Mutter – müssen das erst mühsam wieder lernen, so weit waren sie schon gefangen in einer Spirale aus Ablehnung und Defensive. Ja, Aurelia ist anders als andere - aber in vielem eben auch besonders, außergewöhnlich. Ihr enormes Sprachtalent, ihre große Vorstellungskraft und Kreativität - das sind die Dinge, die wir sehen, und die auch Aurelia selbst wieder schätzen lernt. Bei you are life! lernt sie, sich darauf zu konzentrieren, anstatt immer um ihre Defizite zu kreisen.
Die Mutter entscheidet sich gegen die Klinikschule. Mit Unterstützung des Kinderarztes, in dem sie endlich einen Verbündeten findet, wird Aurelia für den Rest des Schulhalbjahres krankgeschrieben. Auf einer neuen Schule kann sie endlich zur Ruhe kommen: Auch hier legen die Lehrer in Abstimmung mit Mutter und Arzt den Fokus auf Aurelias Stärken, lassen sie in ihrer Besonderheit sein.
Und sie findet Dinge, die sie mag, die zu ihr passen, Dinge, die ihre besonderen Fähigkeiten fordern. Sie möchte Theater spielen. Die Texte erschließt sie sich in Windeseile, ihre ausdrucksstarke, auffallende Art ist auf der Bühne plötzlich genau richtig. Aurelia hat ein Ziel: Sie will Schauspielerin werden!
Noch ist nicht alles eitel Sonnenschein. Vor Aurelia liegt noch ein weiter Weg. Aber: Sie selbst hat gelernt, sich mehr auf das zu konzentrieren, was sie in ihrem Leben und an sich selbst gut findet. Und plötzlich können das auch die anderen. Sie findet vorsichtig Freundinnen in der neuen Klasse und ist stolz auf ihre Erfolge beim Theaterspielen. Das Mädchen, das vor einem Jahr nicht mehr leben wollte, sagt jetzt selbst: „Ich bin glücklich.“
Das wollen wir den Kindern bei you are life! zeigen:
Glücklich und erfolgreich leben heißt: Konzentriere Dich auf das, was Du kannst, was Du hast, und was Du willst! Lenke Deinen Blick auf das Positive in Deinem Leben!